Open Call

 

Georges Perec: Das Leben. Gebrauchsanweisung. Frankfurt am Main 1982.

 

Das Wohnen und Zusammenleben ist ein wesentliches Thema in der Biografie einer Stadt und zumal von München. Wer sich in welchem Viertel befindet, wird zunehmend eine Frage des Geldes und der sozialen Kontakte. Damit wandelt sich auch die Zusammensetzung der Stadtgesellschaft. Angelehnt an das Buch „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ des französischen Schriftsteller Georges Perec werden wir uns im Rahmen von RODEO 2020_Baustelle Utopia damit auseinandersetzen, wie der Alltag in München aussieht.

 

In seinem Roman „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ nimmt Georges Perec in 99 Kapiteln die Bewohner*innen eines Mietshauses in den Blick, folgt ihren Biografien, skizziert ihre Lebensstile, thematisiert ihre Geschichten. Er entwirft ein kaleidoskopisches Panorama, ein kunstvoll gestaltetes Puzzle der menschlichen Existenz.

 

Die meist nur wenige Seiten langen Kapitel führen an nur einem Tag, dem 23. Juni 1975, durch alle Zimmer des Hauses. Sie bieten jeweils abschnittweise Beschreibungen der verschiedenen Wohnungen, der einzelnen Zimmer und ihrer Bewohner*innen, des Treppenhauses oder der Kellerräume. Die/der Leser*in verfolgt diese Schilderung, als wäre sie/er Archäolog*in, die/der die Spuren einer vergangenen Zivilisation zusammenträgt – und sich selbst darin findet und verfehlt.

 

Die einzelnen Abschnitte sind Vorlagen zu unserem Open Call. Ausgehend von Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ rufen wir performativ arbeitende Künstler*innen der Freien Szene München dazu auf, sich mit dem Zusammenleben in der Stadt zu befassen und dabei unterschiedliche Menschen und ihre Geschichten in den Blick zu nehmen.

 

Entwickelt werden sollen Konzepte für audiovisuelle Medien, die von einem Abschnitt bzw. einem Kapitel des Buches ausgehen. Die Länge der zu realisierenden Arbeiten im Videoformat kann zwischen 30 Sekunden und zwei Minuten betragen.

 

Nach der Einreichung von kurzen Exposés werden wir zehn Konzepte auswählen. Die Umsetzung der einzelnen Projekte kann komplett frei erfolgen. Nach der Produktion werden die ausgewählten Ergebnisse im Rahmen von RODEO 2020 auf der Website und im Stadtraum präsentiert.

 

Einreichungen der Konzepte: bis 1. März 2020

 

Produktionsbudget & Unkostenübernahme pro realisiertem Beitrag: 300 Euro

 

Konzepte als pdf per E-Mail an: kollektiv@rodeomuenchen.de

 

„Die Treppen waren für ihn auf jedem Stock eine Erinnerung, eine Emotion, etwas Überholtes und nicht Fühlbares, etwas, das irgendwo in der flackernden Flamme seines Gedächtnisses zuckte: eine Gebärde, ein Duft, ein Geräusch, ein Glanz, eine junge Frau, die Opernarien sang …, ein Lärm, ein Schrei, ein Tohuwabohu, ein Rauschen, ein Knistern von Seiden und Pelzen, ein klagendes Mi-auen hinter der Tür, Klopfen an Wänden, auf knackenden Plattenspielern abgedroschene Tangos oder im sechsten Stock rechts das hartnäckige Dröhnen der Stichsäge Gaspard Wincklers, dem drei Stockwerke tiefer, im dritten Stock links, auch weiterhin nur eine unerträgliche Stille antwortete“ (111).

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